Jo, noch ergänzend bzw. präzisierend zum Thema- und warum sich der Ton vielleicht falsch anhörte:
Die Reparaturhandbücher sind sicher top gemacht und auch stimmig- aber es gibt eben gerade im Motor dann Bereiche, die lassen sich mit einem Handbuch nicht erreichen oder abdecken.
Ich würde sagen, das muss man kritisch selbst in der Gesamtschau beurteilen bzw. bewerten.
Zwei Beispiele zum Thema:
1. Zylinderbohrung
Der Reparaturleitfaden sagt, dass die Verschleissgrenze bei einer Abweichung von 0,08mm vom Nennmass liegt:
"Abweichung gegenüber Nennmass max. 0,08mm"
Das Nennmass ist 81,000 (+5/+15)
Demnach wäre theoretisch ein Wert von 81,080 die Verschleissgrenze.
Problem Nr.1
Bekomme ich das mit Hausmitteln wirklich genau gemessen?
Das Messgerät soll mit der Bügelmessschraube eingestellt werden und diese muss wiederum mit Endmass kalibriert sein.
Problem Nr. 2
Die zulässige Abweichung ist abartig viel. Da wäre längst kein Honschliff mehr da... (ganz grob 0.04 bis 0.06 im Durchmesser)
Honschliff wäre aber eigentlich gut und wichtig.
Problem Nr. 3
Was mache ich jetzt mit einer Bohrung mit Abweichung zum Beispiel von +0.06? Aus der Erfahrung ist das eigentlich längst Ausschuss - wäre aber nach Vorgabe noch locker zulässig. Das erreicht man unter normalen Bedingungen mit 400.000km oft noch nicht. Hängt eben davon ab, wie er Rest aussieht.
Also muss man das individuell bewerten.
2. Ölpumpe
Da gibt der Rep. Leitfaden die maximale Abweichung beim Zahnflankenspiel an: 0,20mm
Problem Nr. 1:
Das Flankenspiel wird eigentlich hauptsächlich durch die Wellenführung bestimmt. Also musste man im eingebauten Zustand messen und eben auch die Führungsbuchse im Block mit einbeziehen.
Problem Nr. 2:
Das angegebene Neumass von 0,05 ist sehr sehr sportlich und habe ich persönlich noch nie an `ner neuen VW Pumpe gemessen.
Problem Nr. 3
Nach meinem Verständnis wird das Zahnflankenspiel durch die Länge der Zahnräder beeinflusst (Kippspiel)- also müsste es unterschiedliche Werte für 26, 30 und 36mm Pumpen geben?
Problem Nr. 4
Der Reparaturleitfaden gibt meines Wissens nicht an, dass das zweite Pumpenrad ohne Welle wieder korrekt eingebaut werden sollte - gehört aber eigentlich auch dazu...
Problem Nr. 5:
Die entscheidende Verschleissstelle der Pumpen - der Bereich im Gehäuse um die Zahnräder- wird gar nicht bewertet.
Problem Nr. 6:
Axialspiel max. 0,15 mit Haarwinkel auf Gehäuse gemessen.
Aber eigentlich läuft die Pumpe konstruktionsbedingt hauptsächlich am "Deckel" ein- und der wird ja gar nicht gemessen?
Fazit:
Der Reparaturleitfaden gibt zwar grobe Anhaltswerte, aber kann eben nie alle Kriterien abdecken und es muss immer noch individuell im Gesamten betrachtet werden.
Man kann eine Bewertung des Motors aus meiner Sicht nicht nur entlang einer Anleitung oder Checkliste beurteilen.
Ich will die Reparaturanleitung absolut nicht in Zweifel ziehen, aber es ist eben nur eine Anleitung, die dem Mechaniker Richtwerte geben kann und stösst gerade im Motor dann an ihre Grenzen.
Deswegen muss auch die Anlaufscheibenthematik individuell betrachtet werden. Und ich persönlich würde das konventionell ohne die kombinierten Flanschlager machen.
Anmerkung noch:
Die Honmaske (oder Brille) führt eigentlich nicht die Werkzeuge, sondern soll den Verzug des Blocks unter Realbedingungen simulieren.
Es gibt sogar Untersuchungen, dass eine ca. 20% höhere Zugkraft (als normal) auf die Zylinderkopfschrauben dann noch die Wärme unter Betriebsbedingungen abbilden kann(!)...
Sprich, Honbrille mit 20% mehr Drehmoment draufschrauben, dann wird`s theoretisch ganz genau... Aber alles Theorie nicht zur Nachahmung empfohlen!