Hi zusammen
Ihr wolltet Geschichten, hier ist sie.
Die ganze Geschichte verdient einen eigenen Thread.
Ich möchte Euch nun die Münchner Einstellhallenlegende namens "Rosti" vorstellen.
Vor nicht allzulanger Zeit hat ein lieber Mensch namens Martin unser Forum gefunden und hat somit ein Cabrio vor dem Schrotthändler bewahrt - das war nämlich der ursprüngliche Plan. Martin hat das Cabrio gegen fachgerechte Bergung angeboten, inklusive Schlüssel und Brief (gg. Abholung zu verschenken: GOLF 1 Cabrio). Ein Schweizer Automessi konnte da nicht widerstehen und war dann sogar noch der schnellste "Bewerber". Ein Abholdatum war dann rasch gefunden und morgens um 04:00 ging es mit dem Abschlepper los aus Fribourg, Schweiz nach München, Deutschland.
Zum Cabrio wusste ich, ausser einem zugestaubten Foto, der Erstzulassung aus 1993, 72kW (somit 2H Motor) und der Farbe nichts. Aber einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul! Kurz nach halb 10 in München angekommen, wurde dann sogleich der Abschlepper in die Einstellhalle manövriert, positioniert und dank eletrischer Seilwinde konnte das Cabrio aus der Ecke gerissen werden. Die Bremsen weigerten die Mitarbeit sehr geziehlt, ein paar sanfte Schläge auf den Hinterkopf haben jedoch das Denkvermögen bis auf ein Rad deutlich erhöht.
So stand das Cabrio nach 15 Minuten bereits verladen auf dem Abschlepper und konnte nach 21 Jahren (2005 fuhr es in die Einstellhalle, 2007 wurde es darin nochmals umparkiert und dann nicht mehr angerührt) erstmals wieder das Tageslicht erblicken. Die etwas pietätslose Bemerkung einer Nutzerin der Einstellhalle, dass "der Schandfleck nun endlich wegkomme" wurden vom Schenker wie auch vom Beschenkten etwas betreten weggeschwiegen. Viele Leute vergessen immer wieder - des einen Schrott, des anderen Schatz.
Am Tageslicht zeigte sich dann an Sitzen und Lenkrad, dass das Cabrio mal ein Sondermodell "Sportline" war. Da die Sportline-Aufkleber fehlten, war die Vermutung einer Nachlackierung schnell da. Zu dem Zeitpunkt nahm ich noch an, ein schwarzes Sportline vor mir zu haben. Aber auch da ist mir schon an sehr ungewöhnlichen Stellen Rost aufgefallen. Auch sichtbar wurde das Ausmass von Schimmel. Ausnahmslos jedes Bauteil im Innenraum ist wirklich sehr stark mit Schimmel befallen. Teilweise vielleicht mit Putzi und viel Geduld rettbar, aber schon sehr hässlich.
Nach der ereignislosen Fahrt und Verzollung in die Schweiz war das erste Ziel nach einer ausführlichen Fotodokumentation die Waschanlage. Erstmal vom gröbsten Dreck befreien, so dass eine einigermassen vernünftige Begutachtung möglich ist und der potentielle Verwendungszweck abgeschätzt werden kann. Bis da stand noch alles im Raum: Teilespender, Restauration, einfache Wiederbelebung.
Nach der gründlichen Aussenreinigung wurde dann erstmals klar, dass das Sporti mal rot war und mit einem schwarz metallic überlackiert wurde. Dabei wurde wohl nicht besonders ordentlich gearbeitet, denn das ist das erste Cabrio das ich kenne, welches ausnahmslos an jedem Karosseriebauteil Rost hat. Beide Türen, Heckdeckel, beide Seitenwände, beide Kotflügel, Motorhaube, Frontblech, alles ist deutlich rostbefallen.
Nun ging es an die technische Bestandesaufnahme. Ein Blick unter die Haube zeigt, dass kein Kühlwasser mehr vorhanden ist. Öl war jedoch da und optisch unversehrt, etwas dunkel und leicht zähflüssig, aber definitiv Öl und auch genug vorhanden. Da die Batterie abgeklemmt war, habe ich mir den Spass gemacht und das Multimeter dran gehalten: 3.08 Volt nach 19 Jahren. Nicht schlecht! Nun wurde der Booster geholt - ich bin da relativ schmerzbefreit. Nach einem Blick auf den Zahnriemen wusste ich, dass mir der nicht gleich um die Ohren fliegen wird. Und ansonsten - entweder funktionierts oder dann eben nicht. Zündung ein - kein Pumpengeräusch. Logisch, nach so langer Zeit. Der Sprit roch bereits beim Verladen bis nach aussen vergammelt. Dann erstmal ohne Hallgeber ordentlich georgelt, um Öldruck aufzubauen. Insgesamt mit ein, zwei Pausen wohl rund 2 Minuten, ohne dass die Öldruckkontrollleuchte aus ging. Da hatte ich bereits erste Bedenken zum Zustand des Motors. Aber man ist ja guter Hoffnung, vielleicht lief die Pumpe leer und die Anlasserdrehzahl reicht nicht zum Ansaugen. Hallgeber dran, einen Schuss Bremsenreiniger und der Motor sprang sofort an, als hätte er nie was anderes gemacht. Leider immer noch mit fehlendem Öldruck. Da ich alleine war, konnte ich immer nur einige Sekunden laufen lassen, bis die Bremsenreinigereinspritzung am Ende war. Währenddessen bin ich dann nach hinten gerannt und hab der Benzinpumpe ebenfalls mit ein paar sanften Hinterkopfschlägen das Denkvermögen erhöht und der Rosti lief aus eigener Kraft - nach so langer Zeit. Jedoch war immer noch kein Öldruck da und somit Motor aus.
Nächster Schritt - Lift, Öl abgelassen und Ölwanne runter. Siehe da, Goldgräberstimmung, es funkelte nur so aus der Ölwanne und von der Materialmenge her wird nicht nur die Zwischenwelle Ursache sein, sondern mindestens wohl auch die Pleuellager zerlegt sein und somit auch klar, weshalb kein Öldruck da ist. Was jetzt wie zusammenhängt, ob ein Vorschaden bestand oder die Wiederbelebung ein Schaden verursacht hat, lässt sich wie immer nicht mit Sicherheit sagen. Ich tippe aufgrund der Menge und meiner Erfahrung aber eher auf einen bereits bestehenden Schaden.
Eigentlich wäre die Verwendung jetzt eingegrenzt - Schlachter. Ich lasse aber sehr sehr ungerne Fahrzeuge sterben.
Deswegen lasse ich es mir noch offen, was damit passiert.
Dokumentiert wird jedenfalls hier weiter.
Bilder folgen jetzt.
LG Acki